Dienstag, 10 Februar 2026

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Architekt der Dekonstruktion

Wie du durch First Principle Thinking radikale Systeme erschaffst

Es gibt diesen einen Moment, den fast jeder Entwickler, Gründer oder Architekt kennt. Du sitzt vor einem weißen Blatt Papier oder einem leeren Git Repository. Wie auch immer. Du hast eine Vision. Etwas Großes. Etwas mit Bäääm. Etwas, das alles verändern soll. Aber nach zwei Stunden Planung sieht dein Entwurf plötzlich wieder aus wie alles andere: Eine Datenbank, ein paar API Endpunkte, ein schickes Frontend, ein Login Prozess.

In diesem Moment ist deine Vision gestorben. Du hast sie nicht erschaffen, du hast sie lediglich in die vertrauten Schablonen der Vergangenheit gepresst.

Die meisten Systeme scheitern heute nicht an technischer Unfähigkeit. Sie scheitern an einer tief sitzenden Pfadabhängigkeit. Das bedeutet: Wir treffen Entscheidungen nicht auf Basis dessen, was heute möglich ist, sondern auf Basis von Kompromissen, die Ingenieure vor dreißig Jahren machen mussten. Wir bauen keine Kathedralen der Zukunft. Wir sind lediglich Innenausstatter für digitale Ruinen.

Dieses Dreamcodes Tutorial ist ein versuch der Unterbrechung dieses Kreislaufs. Wir dekonstruieren dein Denken, bevor du deine Systeme konstruierst.


I. Die Anatomie der kognitiven Falle

Bevor wir über Architektur sprechen, müssen wir über dein Gehirn sprechen. Das ist nämlich dein größter Feind bei der Innovation. Evolutionär gesehen ist dein Gehirn darauf optimiert, Energie zu sparen. Denken kostet Kalorien. Deshalb liebt dein Gehirn Abkürzungen.

Das Gefängnis der Analogie

Wenn du ein Problem siehst, sucht dein Gehirn in Nanosekunden nach einem bekannten Muster. „Das sieht aus wie ein Shop System? Okay, nimm Shopify oder bau ein CRUD Interface.“ Das nennen wir Analogie Denken.

Das Problem dabei: Wenn du durch Analogie denkst, kopierst du nicht nur die Lösung, sondern den gesamten Ballast, der an ihr hängt. Du kopierst die Einschränkungen von damals, die Sicherheitslücken von gestern und die Design Fehler von vorgestern. Du versuchst, eine Pferdekutsche schneller zu machen, indem du die Peitsche durch einen Laser ersetzt. Aber am Ende bleibt es eine Kutsche. Du hast nie gefragt, warum wir überhaupt Räder brauchen oder ob das Pferd noch die beste Energiequelle ist.

Die „Best Practice“ Lüge

Wir werden darauf konditioniert, „Best Practices“ zu folgen. Aber was bedeutet das eigentlich? Es bedeutet: „So machen es die meisten Menschen, weil es sich bewährt hat.“ In einer Welt, die sich linear entwickelt, ist das okay. In einer Welt, die sich exponentiell verändert, ist eine „Best Practice“ das Rezept für Mittelmäßigkeit. Wer First Principles anwendet, weiß, dass Best Practices oft nur die Narben vergangener Kämpfe sind. Wir müssen diese Narben dezent aufschneiden, um zu sehen, was darunter liegt.


II. Die Methode: Radikale Dekonstruktion

First Principle Thinking wird oft als Modewort missbraucht. Aber es ist eine operative Technik aus der theoretischen Physik. Es bedeutet, ein System so weit zu zerlegen, bis du bei den Wahrheiten ankommst, den Atomen. Und von dort aus baust du neu auf.

1. Das Naturgesetz Audit

Nimm dein Projekt. Jedes Feature, jede Zeile in deinem Lastenheft. Und jetzt stell dir die unangenehmste Frage überhaupt: Ist das ein Naturgesetz oder eine soziale Konvention?

  • Naturgesetze sind Dinge, die wir nicht ändern können: Die Lichtgeschwindigkeit begrenzt unsere Latenz. Die Thermodynamik begrenzt unsere Rechenleistung pro Watt. Die Zeit ist linear (für den Menschen bzw. Nutzer als solches). Das sind deine Leitplanken.
  • Soziale Konventionen sind fast alles andere: „Man braucht ein Passwort.“ „Daten müssen in Tabellen liegen.“ „Software muss ein Menü haben.“ „Man braucht ein Team von 10 Leuten für dieses Projekt.“

Wenn du brutal ehrlich bist, wirst du feststellen, dass 95 % deines Projekts aus sozialen Konventionen bestehen. Das sind Dinge, die wir tun, weil wir sie schon immer so getan haben oder weil es sich „sicher“ anfühlt. Ein Dreamcodes User streicht diese 95 % gnadenlos zusammen, bis nur noch die 5 % Naturgesetze übrig bleiben.

2. Arbeiten mit Extremwerten

Um die Essenz deiner Idee zu finden, musst du die Variablen deines Systems in den Wahnsinn treiben. Das ist ein mentales Stresstesting.

Frag dich:

  • Was, wenn die Kosten für Speicherplatz exakt Null wären? Würdest du immer noch Datenbanken normalisieren? Oder würdest du einfach jeden Zustand jeder Variablen für immer speichern, um eine perfekte Zeitmaschine deines Systems zu haben?
  • Was, wenn die Bandbreite unendlich wäre? Würdest du immer noch Daten komprimieren oder mühsame Lade-Zyklen optimieren? Oder würdest du das Interface in Echtzeit als reinen Videostrom rendern, der auf der leistungsstärksten GPU des Planeten läuft?
  • Was ist die theoretische Untergrenze? Das ist Elon Musks Lieblingsfrage. Wenn du eine Rakete baust, schaust du dir nicht an, was eine Rakete bei Boeing kostet. Du schaust dir an, was die Rohstoffe (Aluminium, Titan, Treibstoff) an der Londoner Metallbörse kosten. Alles zwischen dem Rohstoffpreis und dem Verkaufspreis der Konkurrenz ist „Inhumanity Index“, also Ineffizienz, Bürokratie und mangelnde Intelligenz.

Was ist der „Rohstoffpreis“ deiner Software? Wie viele CPU Zyklen braucht deine Logik wirklich, wenn man den ganzen Framework Ballast weglässt? Wenn du das berechnest, merkst du oft, dass deine Software 1.000 mal ineffizienter ist, als sie sein müsste. Das ist dein Spielraum für Innovation.


III. Die Synthese: Bauen im Vakuum

Wenn du die Dekonstruktion ernst nimmst, bleibt am Ende nichts übrig. Kein Framework, kein vorgefertigtes UI-Kit, keine „bewährte“ Architektur. Du stehst in einem Vakuum. Das ist der Moment, in dem die meisten Leute Panik bekommen. Sie fühlen sich nackt ohne ihre Bibliotheken.

Aber genau hier beginnt fängst du jetzt an:

Bauen von den Atomen aufwärts

In der Softwareentwicklung gibt es nur vier wirkliche Atome:

  1. Input: Information tritt ein
  2. Transformation: Information wird verändert
  3. Persistenz: Information wird behalten
  4. Output: Information wird ausgegeben

Alles andere, jede einzelne Library, jedes Protokoll, ist nur ein Werkzeug, um diese vier Dinge zu erledigen. Wenn du neu baust, darfst du kein Werkzeug benutzen, nur weil es im Regal liegt. Du musst beweisen, dass dieses Werkzeug der absolut effizienteste Weg ist, um deine spezifische Transformation durchzuführen.

Nehmen wir das Beispiel eMail. Wenn du ein Kommunikationssystem baust, denkst du an eine Inbox. Aber eine Inbox ist eine Analogie zum physischen Briefkasten. Das First Principle ist: „Person A will, dass Person B eine Information erhält und darauf reagieren kann.“ Wenn du das im Vakuum neu baust, landest du vielleicht bei einem System, das überhaupt keine Nachrichten mehr verschickt, sondern nur noch einen gemeinsamen Bewusstseinszustand (einen Shared State) zwischen zwei Rechnern synchronisiert. Keine Betreffzeilen, keine Anhänge, keine Latenz. Nur reiner Informationsfluss.


IV. Das Interface Paradoxon

Einer der größten Denkfehler in der Systementwicklung ist der Glaube, dass ein „gutes Interface“ der Schlüssel zum Erfolg ist. Aber lass uns das mal dekonstruieren.

Ein Interface ist im Grunde ein Geständnis des Scheiterns.

Warum braucht ein Nutzer ein Interface? Weil das System nicht schlau genug ist, um zu wissen, was der Nutzer will. Ein Interface ist eine Barriere. Es ist eine mühsame Übersetzungsarbeit: Der Mensch muss seine Wünsche in Klicks, Swipes und Formulare übersetzen, damit die Maschine sie versteht.

Das Ziel ist die Unsichtbarkeit

Das First Principle der Interaktion lautet: Der Nutzer will das Ergebnis, nicht den Prozess. Niemand will eine App bedienen, um ein Taxi zu rufen. Die Menschen wollen, dass ein Auto vor der Tür steht, wenn sie losmüssen. Das perfekte System hat also kein Interface. Es erkennt die Intention (durch Daten, Sensoren, Muster) und liefert das Ergebnis.

Wenn du also das nächste Mal ein Dashboard entwirfst, frag dich nicht: „Wie mache ich das schöner?“, sondern: „Warum zum Teufel muss der Nutzer das überhaupt sehen? Kann das System diese Entscheidung nicht selbst treffen?“ Radikale Systementwicklung bedeutet, das UI so lange wegzuschneiden, bis nur noch der reine Nutzen übrig bleibt.


V. Entropie Resistenz: Warum Systeme sterben

Systeme altern nicht wie Wein, sie altern wie Milch. Sie werden sauer. Wie Bitte? In der Software nennen wir das Legacy. Aber warum entsteht Legacy? Weil wir Analogien einbauen.

Jede Analogie, die du heute in dein System einbaust (zB. „Wir nutzen dieses Framework, weil es gerade jeder nutzt“), ist eine Hypothek auf die Zukunft. In drei Jahren ist das Framework veraltet, und dein gesamtes System ist um eine tote Idee herum gebaut.

Bauen für die Ewigkeit, schön wärs

Ein System, das auf First Principles basiert, altert kaum. Warum? Weil sich die physikalischen Gesetze nicht ändern. Wenn du dein System auf maximaler Effizienz der Datenverarbeitung aufbaust, nah an der Hardware, nah an der Logik, dann wird es auch in zehn Jahren noch schnell und effizient sein.

Du musst dich entscheiden: Willst du ein „Surfer“ sein, der auf der aktuellen Technologiewelle reitet und abstürzt, sobald sie bricht? Oder willst du der „Ozean“ sein, die grundlegende Infrastruktur, auf der alles andere aufbaut?


VI. Die mentale Disziplin: Den Anfängergeist kultivieren

Das ist der schwierigste Teil. Wir sind alle durch unsere Ausbildung und unsere Erfahrung korrumpiert. Wir haben gelernt, „wie man es macht“. Und dieses Wissen steht uns im Weg.

Die Übung des „Alien-Blicks“

Stell dir vor, du bist eine außerirdische Intelligenz. Du hast null Ahnung von der menschlichen Geschichte. Du weißt nicht, was IBM, Microsoft oder Google sind. Du landest auf der Erde, siehst unsere Hardware (Chips, Glasfaserkabel) und siehst unsere Bedürfnisse (Hunger, Kommunikation, Mobilität).

Würdest du wirklich die Software Stacks benutzen, die wir heute benutzen? Würdest du wirklich Milliarden von Stunden in JavaScript Frameworks investieren, die sich gegenseitig bekämpfen? Oder würdest du über das Chaos lachen und eine Architektur bauen, die direkt auf den Silizium-Atomen operiert?

Dieser Blick ist schmerzhaft, weil er uns zeigt, wie viel Zeit wir mit Unsinn verschwenden. Aber er ist auch befreiend. Er gibt dir die Erlaubnis, alles infrage zu stellen. Alles.

Widerstand gegen die Bequemlichkeit

Es ist verdammt bequem, eine Library zu importieren. npm install und zack, das Problem scheint gelöst. Aber du hast gerade eine Blackbox in dein System gelassen. Du hast die Verantwortung für deine Architektur an Fremde abgegeben, die dein spezifisches Problem gar nicht kannten.

Ein Dreamcodes User hat den Mut, die Dinge selbst zu verstehen. Das heißt nicht, dass du alles neu erfinden musst. Aber du musst fähig sein, es neu zu erfinden. Nur wer die unterste Ebene versteht, kann auf der obersten Ebene wirklich innovativ sein.


VII. Der operative Transfer: Wie du heute startest

Wir haben jetzt viel über Theorie geredet. Aber wie wendest du das morgen früh um 9:00 Uhr an, wenn du deinen Rechner aufklappst?

Hier ist dein Schlachtplan:

  1. Das Sezieren: Nimm die komplexeste Komponente deines aktuellen Projekts. Schreib auf, warum sie so komplex ist. Sei ehrlich: Liegt es an der Aufgabe oder an den Werkzeugen, die du gewählt hast?
  2. Die Eliminierung: Streiche alle Features, die nur da sind, um „Erwartungen“ zu erfüllen. Wenn ein Nutzer ein Feature nicht vermissen würde, wenn er nicht wüsste, dass es existieren könnte, weg damit.
  3. Die Rückkehr zu den Atomen: Definiere den Kern Input und den Kern Output. Wenn du nur eine einzige Funktion hättest, um diesen Transfer zu machen, wie sähe sie aus? Ohne Fehlermeldungen, ohne Logging, ohne UI. Nur die reine Logik. Das ist dein Goldstandard. Alles, was du danach hinzufügst, ist ein notwendiges Übel, kein Feature.
  4. Der Physik-Check: Vergleiche deine Lösung mit dem theoretischen Limit. Wenn deine App 100 MB groß ist, um einen Text von A nach B zu schicken, dann schäm dich ein bisschen. Und dann finde heraus, wo die 99,9 MB Müll herkommen.

Die Architektur der Dekonstruktion ist kein Ziel, es ist ein Prozess. Es ist ein ständiger Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit und gegen den Sog der Masse. Es fühlt sich am Anfang einsam an, wenn man die „bewährten“ Pfade verlässt. Aber weißt du, was sich noch einsamer anfühlt? Nach zwei Jahren Arbeit festzustellen, dass man nur eine etwas bessere Version von etwas gebaut hat, das eigentlich schon längst hätte sterben sollen.

Wir bei Dreamcodes glauben nicht an bessere Kopien. Wir glauben an den Moment, in dem der Code oder das Tutorial so rein und logisch ist, dass er sich fast wie ein Naturgesetz anfühlt. Das ist der Moment, in dem Software zu Kunst wird. Und in dem aus einem einfachen Projekt eine radikale Systementwicklung wird, die die Welt nicht nur ein bisschen optimiert, sondern grundlegend neu programmiert. Probiere es mal aus!

Dreamcodes Redaktion
Dreamcodes Redaktion
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